Kugeln

Kugeln zu machen ist eine Art des Aufräumens. Blütenblätter, mit denen ich gearbeitet habe, möchte ich nicht einfach wegschmeissen. Also ­versorge ich sie, indem ich sie in einer Tonkugel verarbeite. So eine Kugel zu ­formen ist eine schöne Sache. Das Zusammenfügen von Blüten und Ton ergibt ­eigenartige Geruchskombinationen, die erst verschwinden, wenn die Kugel ganz getrocknet ist. Noch feucht roch die Tonkugel mit den eingearbeiteten Blütenblättern blumig, erdig und leicht modrig oder faulig zugleich.

Die Kugel aus gekochten Löwenzahnblüten hat mehrere Prozesse durchgemacht. Die Blüten wurden grosser Hitze ausgesetzt, durch das Kochen in Wasser. Dann ausgepresst bis kein Tröpfchen mehr herauskam und zur Kugel geformt. Diese habe ich dann eingefroren, da ich ein paar Tage nicht im Atelier war. Hier also grosse Kälte, im Gegensatz zur kochenden ­Hitze. Aufgetaut verströmte sie einen betörenden, frischen, blumigen Duft. Dann trocknete sie langsam über Tage hinweg. Der Geruch wird immer ­schwächer und wird vermutlich bald verschwinden.

Ich kannte einen Künstler, dessen Hauptarbeit darin bestand Kugeln zu ­machen und zu sammeln. Das Letzte was ich von ihm sah, war ein grosser Archivschrank mit lauter Kugeln darin. Es gab dazu ein digitales Archiv, in dem man die Kugeln nach bestimmten Ordnungskriterien aufrufen konnte. Dieser Künstler hat später eine Bar eröffnet und ich habe ihn aus den Augen verloren.

veröffentlicht in: Blütenkugeln – Heft Nr. 9 – Im Atelier, Vexer Verlag, 2017