Im Atelier

17. Januar 2022

Anfangen und Weitermachen

Am ersten Januar einen Spaziergang zu machen und mir vorzustellen, dass nun etwas Neues beginnnt ist eine Art Ritual. Manchmal passt irgendetwas auf dem Spaziergang zu dieser Idee; einmal sah ich eine Frau ganz gerötet aus dem eisigen, dampfenden Rhein heraussteigen. Dieses Jahr war es anders, sofort wartete Arbeit auf mich, die schon im letzten Jahr begonnen hatte. Die Idee des Neubeginns pünktlich zu diesem Datum ist unsinnig und trotzdem mag ich sie. Da ich jetzt die Arbeit, die da am ersten Januar auf mich wartete, abgeschlossen habe, könnte ich das Neujahrsdatum für mich einfach verschieben. Jetzt fängt mein neues Jahr an. Mein Atelier ist aufgeräumt. Auch unfertige Sachen liegen erstmal in der Schublade und ich kann schauen, wo es jetzt weitergeht. Ein gutes Gefühl – vielleicht erstmal gar nichts machen?

Auf meinem verspäteten Neujahrsspaziergang bin ich Werken für meine «Sammlung» begegnet. Die Sammlung habe ich über Jahre gepflegt und ergänze sie noch ab und zu. Das Sammeln war von der Idee geprägt, dass ich selbst nicht viel machen muss, dass es alles schon gibt. Ich habe mir also vorgestellt, ich spaziere durch die Stadt oder über Land, wie durch ein Museum. Viele der gefundenen Situationen erinnerten mich an etwas, das ich schon mal gesehen hatte. Ich fand Robert Ryman’s, René Levi’s, Richard Serra’s. Gleichzeitig wurden die Fundstücke zu eigenen Werken, die ich nun nicht mehr machen musste und die auch bereits veröffentlicht waren.

Sammlung Weiss

14.12.2021

Pausentopf Nr. 2

Ich sammle nicht mehr so fleissig Kaffeesatz wie früher. Aber immer wieder reut es mich, den Satz meiner Pausen wegzuschmeissen – also sammle ich ab und zu weiter. Heute habe ich angefangen einen zweiten Pausentopf zu füllen. Das Gefäss dafür steht schon länger bei mir im Atelier. Wer es gemacht hat, weiss ich nicht. Als ich es fand, dachte ich, dass ich dieses Gefäss auch gerne gemacht hätte, wenn ich mit Glas umgehen könnte. Es ist innen milchig weiss und glatt, aussen rauh und kaffeebraun, wobei die braune Schicht abgekratzt wurde, um das Weiss wieder zum Vorschein zu bringen. Es war nicht einmal teuer, was mich erstaunte, weil es mir so besonders erschien.

Seit ich es besitze, wollte ich es mit meinem Kaffeesatz füllen. Als ich das dann heute gemacht habe, kam es mir vor wie ein Füttern; weil das Loch des Gefässes so klein ist, musste ich mit dem Löffel zirkeln, wie bei einem Babymund. Ein kleiner Schlund, in dem ein paar gesammelte Pausen von mir verschwinden.

Pausentopf Nr. 1

Pausentopf Nr. 2, Video 1'11", 2021

25. November 2021

Weiss

Vor dem Wochenende habe ich ein Stück Papier auf den Boden gelegt und an den vier Ecken mit Gewichten beschwert. Nachdem das Blatt von der Rolle geschnitten ist, muss es erst mal ausruhen, aus der Biegung in die Fläche finden. Das weisse Blatt Papier ist hoffnungsvoll, rein, unberührt. Es kann etwas darauf geschehen, noch ist nicht klar was es sein wird. Nur in meinem Kopf sind ein paar vage Vorstellungen.

Kenia Hara sagt: «Weiss ist Empfänglichkeit». Er hat ein Buch über Weiss geschrieben und benutzt grosse Worte, um das Weiss von Papier zu beschreiben: «Sein Weiss zeichnet sich durch ungestörte Stille aus, wie sie in den spannungsgeladenen, konzentrierten Momenten herrscht, bevor Dinge zum Ausbruch kommen, und durch das erregende Gefühl, dass etwas noch Unsichtbares in einer gigantischen Umsetzung münden kann.»

Genau dieses Gefühl würde ich als Fallstrick bezeichnen; diese Vorstellungskraft, die manchmal vor lauter Erwartungen verhindert, dass überhaupt angefangen werden kann. Und wenn dann doch etwas getan wurde, die Erkenntnis reift, dass die «gigantische Umsetzung» durchschnittlich ist, ausserhalb der Extreme, in der sich die Phantasie bewegt. Um mich davor zu bewahren versuche ich immer wieder, mich mit dem Durchschnittlichen, dem Massvollen, dem Unspektakulären anzufreunden, ja, es sogar anzustreben.

William Kentridge hat noch eine weitere Strategie. Er geht in die «Verteidigung der weniger guten Idee» für die er in Johannesburg ein eigenes Zentrum gegründet hat; das «Zentrum der weniger guten Idee». So wie ich es verstanden habe, hält er die gute Idee für fast schon machtversessen, das Zentrum der Aufmerksamkeit erbittert verteidigend. Er möchte den weniger guten, den kleineren Ideen, die am Rande warten, ermöglichen in die Mitte vorzudringen.

Und so redet er in seiner «Drawing Lesson One» über die Begegnung mit dem weissen Blatt Papier: «This seeing into a blank sheet of paper feels familiar to me.» (…) «… a clean piece of paper awaiting it’s deformation».

08. November 2021

Porträt

Alexandra Meyer war bei mir, um mein Blutporträt zu machen. Wir reden über unseren Künstlerinnenalltag und seine Hürden, während sie mir das Blut abnimmt. Sie erzählt mir, dass sie gerade die Seifenherstellung lernt und dabei eine schwarze, mit Kohle versetzte Seife produziert hat. Ich mag das Schwarz der Kohle und das Alchemistische des Objekts. Und mir gefällt die Vorstellung des gründlichen Händewaschens mit dieser Seife.

Mein Blut fliesst durch den Schlauch in die Ampulle. Sie sagt: «Manchmal glaube ich all diese Porträts machen zu müssen, verantwortlich dafür zu sein, dass die Sammlung vollständig ist». Nun ist auch mein Blut in ihrer Porträtsammlung und sieht aus wie jedes andere Blut – in einer Glasampulle, für immer aufbewahrt von Alexandra.

Porträt Esther Hiepler von Alexandra Meyer, 2021

27. Oktober 2021, Soulce

Freilichtatelier

Im Garten habe ich mir ein Atelier eingerichtet. Auf dem riesigen Estrich des Bauernhauses bin ich herumgestreunt, um die Sachen dafür zusammen zu suchen. Ein Estrich wie aus meinen Kinderträumen; Spinnweben und Staub überziehen interessante, vergessene Dinge, verlassene Schwalben– und Wespennester hängen im Dach und bleiche Kletterpflanzen überwachsen die Szenerie.

Ich habe zwei Tische abgestaubt und mit Papier bezogen. Während des Malens rauscht der Bach und erzeugt eine Atmosphäre der Kontinuität. Die bemalten Papiere hängen an der Wäscheleine und werden vom Wind bewegt.

In den Pausen lausche ich in die Stille des Hauses; ins Knistern des angehenden Feuers, in die verschiedenen Wassergiesstöne – beim Herausschöpfen des heissen Wassers für den Abwasch, beim Wiederauffüllen des Wasserbehälters für neues Heisswasser. Lausche ins Herausströmen des kalten Wassers aus dem Schlauch in die grosse Metallschüssel. Draussen fährt der Traktor; hin und her, immer wieder.

Windbild, Video, 1'16", 2021

20.Oktober 2021, Soulce

Pferdpinsel

Auf einer Wanderung habe ich eine abgeschnittene Pferdelocke gefunden und mitgenommen, mit der Idee einen Pinsel daraus zu machen. Ich habe ein gerades Stöckchen gesucht und eine Weile mit dem Abschälen der Rinde und dem Glatt–Schnitzen verbracht, ohne zu wissen wie und ob der Pinsel funktionieren wird. Sein Griff soll schön aussehen und sich gut anfühlen – und beim Schnitzen breitet sich Ruhe aus. Die dreckige Pferdelocke habe ich gereinigt, die Pferdehaare in die gespaltene Spitze des Griffes eingefügt und mit Leim und Gartenbast befestigt.

Entstanden ist ein Pinsel in einem leuchtenden, beneidenswertem Blond, der beim Malen angenehm nach Pferd riecht. Kein Ich-Pinsel diesmal, sondern ein Pferdpinsel. Hier am rauschenden Bach wo die Kühe und Pferde auf der Wiese glänzen, ist es einfacher nicht mit dem Ich beschäftigt zu sein. Das Aussen ist verführerisch ablenkend und belebt. Es kommt Lust auf auch noch einen Kuh–, einen Huhn– und einen Katzenpinsel zu machen.

Die Handhabung ist störrisch, so wie bei den anderen selbstgemachten Pinseln. So richtig malen kann man damit nicht – aber ihn einsetzen für Malerei schon. Die Methode muss noch gefunden werden.

Ich-Pinsel

29. September 2021

Ruhige Dinge

Gestern war ich nach vielen Jahren wieder mal bei den Ruhigen Dingen. In der Kaserne Liestal sind die grossformatigen Fotos mittlerweile verblichen und eines davon ganz zerstört. Das soll jetzt ersetzt werden, nachdem jemand die Fotofolie mit den abgebildeten Kellen aus der Küche der Kaserne fast vollständig abgezogen hat. Die Polizei war da um den Täter zu finden, hat ihn aber nicht gefunden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wenn man mal anfängt an so einem losen Stück Folie zu ziehen, es dann schwierig ist wieder damit aufzuhören.

Während wir vor den Kellen und den Tabletts stehen und über Farbnuancen der zu restaurierenden Fotos sprechen, üben die Soldaten auf dem Truppenübungsplatz. Im Augenwinkel sehe ich die schwer bepackten Soldaten in ihren Tarnanzügen wie sie als dichte Gruppe hin und her galoppieren und höre dumpfe Rufe und Schreie.

Vor den Hemden und den Betten im Eingangsbereich stehen jetzt Kanonen und Wachhäuschen. So eine Kanone war ein lautes Ding. Nun steht sie da, als Museumsstück, mittlerweile auch ruhiggeworden. Das ganze Ensemble ergibt eine eigenartige, von mir so nicht geplante Installation. Wie ich das finden soll weiss ich nicht so recht. Die Leiterin des Renovationsprojekts meinte: «Ich finde es noch cool.»

Ruhige Dinge