Blog: Im Atelier

22. Juli 2022, Cazorla

Die Tür

Vor drei Jahren ist mein Vater gestorben. Seither bin ich Mitbesitzerin einer Tür. Hinter der Tür geht es weiter mit einem Geschenk, das gleichzeitig eine Aufgabe ist. Eine Aufgabe von der ich noch nicht genau weiss, wie sie lautet. Bevor mein Vater in die andalusischen Berge ausgewandert ist, war er in der Werbung tätig. Er hat mir von den Kunden erzählt, die beim Erteilen des Auftrages gar nicht wussten was sie wollten, weshalb ihr Auftrag erstmal definiert werden musste. In der Agentur begann deshalb jedes Konzept mit dem Satz: «Die Aufgabe lautet: …» Dieser Satz wird mich wohl die nächsten Jahre begleiten. Vielleicht kann ich nach dem Doppelpunkt jeweils eine einzige Aufgabe setzen: Eine pro Aufenthalt, ein– bis zweimal pro Jahr. So wie dieses Mal, als ich die Tür als Aufgabe angenommen habe.

Die Tür hat mein Vater in Úbeda gekauft. Dort gab es, wie mir erzählt wurde, viele zerfallende Villen und «Palacios». Möbel und Türen daraus wurden von den ansässigen Roma–Handwerkern renoviert und verkauft. Es könnte demnach sein, dass unsere Tür die Tür eines alten Palastes ist. Gross ist sie nicht – vielleicht eine Seitentür? Die letzten Tage habe ich also diese Tür gepflegt, die ganz ausgebleicht und verdörrt war, weil mehrere Stunden am Tag die Sonne heiss und hell darauf scheint.

Das Pflegen der Tür ist eine eigene Wissenschaft mit verschiedenen Ölen, die zu unterschiedlichen Anteilen gemischt und aufgetragen werden. Die Anleitung dazu habe ich in der «Oberflächenfibel» gefunden. Gerne bleibe ich an dieser Oberfläche. Zuerst schleife ich sie leicht an, dann spritze ich den Staub mit Wasser ab, warte bis die Tür trocken ist und beginne mit dem ersten Anstrich. Das Öl dringt tief ins bleiche Holz ein und nach mehreren Tagen und weiteren Anstrichen freue ich mich jedesmal wenn ich die Tür öffne, dass sie nun so wohlerhalten ist.

Mein Vater war nicht direkt ein Türensammler, aber hat doch einige gekauft und in verschiedene Häuser eingebaut. Die meisten dieser Türen sind zum Glück in der Obhut anderer Leute. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mir eine wirkliche, schwere, physische Tür anzuschaffen. Türen waren für mich kompositorische Elemente in einer Fassade, seltsame Materialansammlungen und Titel unbekannter Geschichten. Manchmal habe ich auch Türen gefunden ohne Haus und Grundstück, was ich auch interessant fand. Einige Türen in meiner Fotosammlung sind von hier, dem hellen andalusischen Bergstädtchen, wo ich viele Jahre bei meinen Vaterbesuchen herumflaniert bin, bevor ich meine erste Tür, zu der auch ein Schlüssel gehört, besitze. Eine Tür, die ich pflege, hinter der ich ab und zu wohne, zusammen mit dem Satz «Die Aufgabe lautet: …»

hier gehts zur Sammlung Türen

10. Juni 2022

Sandhügel

Kürzlich habe ich ihn wieder gesehen: Den Sandhügel. Er stand in einer stillen Halle, einer ehemaligen Autogarage. Als ich kurz darauf wieder hinging, um ein Foto zu machen, war die Halle abgerissen und der Sandhügel weg.

Eine zeitlang hatte ich einen kleinen Sandhügel in meinem Atelier. Er war wie eine Option oder ein Stellvertreter. Manchmal verschob ich ihn in eine andere Ecke des Raumes. Auch das erübrigte sich mit der Zeit, da sich draussen in der Welt der Sandhügel ganz ohne mein Zutun bewegt. Er verwandelt sich dauernd und taucht immer mal wieder in einer neuen Form und einer neuen Umgebung auf, mal in Spanien, mal in Berlin oder Basel. Schön ist zum Beispiel ein schwerbeladener Frachter, der mit drei grossen Sandhügeln rheinabwärts fährt. Ich schaue die Strasse herunter und plötzlich ziehen zwischen den Häusern die Sandhügel vorbei.

Ich habe gelesen, dass Sand als Rohstoff mittlerweile so kostbar ist wie Erdöl. Und dass weltweit die Strände zurückgehen, da der Sand vom Meeresboden abgepumpt wird und diese Löcher dann wieder mit Strandsand aufgefüllt werden müssen. Die Häuser, die damit gebaut werden, zerfallen, bevor sie genutzt werden können, da der Sand nicht vom Meersalz gereinigt wurde und deshalb der Beton bröckelt.

Die Sandhügel schienen mir immer etwas von einer Möglichkeit zu haben. Die Möglichkeit zu spielen, zu bauen, etwas zu erschaffen. Am Liebsten sind sie mir in dieser vorläufigen Form – bevor sie zu etwas Endgültigem verbaut sind.

09. Mai 2022

Kringel und Schlaufen

Ich stehe auf der grossen Leiter und setze einen schwarzen, breiten Pinselstrich an die oberste Kante des Papiers. Der Pinsel ist mit viel Farbe gefüllt, so dass die Farbe stellenweise aus dem Pinselstrich ausbricht und nach unten läuft. Es gefällt mir sehr, wie die schwarz glänzenden Tropfen langsam nach unten wandern. Wenn sie anhalten, vermale ich die verbleibenden Tropfen zu einer Linienblüte, einem Laufkringel oder einer Tropfenschlaufe.

Im Laufe der Zeit bin ich immer wieder bei Kringeln und Schlaufen gelandet. Unbeabsichtigt, sie setzen sich einfach durch. Die Hand macht das gerne. Als Kleinkind hat mir mein Vater am Boden Papiere aufgespannt auf denen ich meine Kringel gemalt habe. Später habe ich Schlaufen aus farbiger Knetmasse gemacht und im Ofen gehärtet. Von Renée Levi, die auch gerne Schlaufen und Kringel malt, habe ich einmal diesen Satz gelesen: «Es geht mir nicht um hübsche Kringel, ich möchte echte Kringel.»

31. März 2022

Überwältigung

Aus dem frühlingshaften Tag trete ich ein in die grosszügige Ruhe des Kunstmuseums. Nachdem mir im Text beim Eingang erklärt wurde, dass hier eine der bedeutendsten Künstlerinnen (Jenny Holzer) eine weitere der bedeutendsten Künstlerinnen (Louise Bourgeois) ausstellt, flaniere ich durch die Räume.

Zuerst treffe ich auf die riesige Maschine mit dem Titel «Twosome». Eine Art Zweisamkeits – Lokomotive bei ihrem maschinellen unermüdlichen Akt. Metall; aussen schwarz, innen rot mit Alarmleuchte. Auf Schienen fährt ein Teil langsam ins andere und wieder hinaus. Angezogen von seiner Mehrdeutigkeit und Seltsamkeit umkreise ich das massive Objekt, behütet von einem jungen, zarten Aufsichtsmensch. Die Maschine macht fiese Geräusche und ich frage ihn, wie es ist diese zu bewachen. Er meint es sei «schwierig» und lächelt dann: «Aber es geht».

Anfangs bin ich neugierig, angeregt, ermutigt. Manches sehe ich neu, vieles begeistert mich. Ermutigt bin ich vom Mut, den es braucht diese Dinge zu machen, bestärkt von der Freiheit, die sie sich nimmt, all das zu tun, zu sagen, zu produzieren. Auf die Ideen zu vertrauen und sie dann auch auszuführen. Je weiter ich komme, desto mehr Zweifel machen sich breit. Die Massierung der Hängung, die Ausbeutung der Schmerzen, die schiere Menge. Am Schluss fühle ich mich wie erschlagen, irgendwie klein, unter der Last dieser Produktion und der Wucht der von Jenny Holzer gewählten Dramaturgie.

«Machen Sie sich darauf gefasst, überwältigt zu werden.» stand in der Ankündigung der Ausstellung. Das bin ich nun. Erschöpft setze ich mich auf den kalten Marmorsitzblock im Museumsshop. Plötzlich ist mir alles zuwider. Die Grösse der Räume, die Kleinheit der wenigen Leute darin. Das Grau der Wände und Treppen, das gedämpfte Licht, die abweisenden Materialien, die Überwachungskameras. Im Shop gibt es Seifen und Kühlschrankmagnete mit den Texten von Louise Bourgeois. Auf einem Kaffeebecher steht: «I have been to hell and back. And let me tell you, it was wonderful.» Bedrückt verlasse ich das Museum durch seine gigantischen Gittertüren, überwacht von den Kameras.

18. Februar 2022

Das Spiel festhalten

Vergangenen Sonntag hat Fritz Hauser zu meinem Bild «Tropfenschlaufen» improvisiert. Auch die Tropfenschlaufen waren mal eine Improvisation. Ein Spiel mit der Schwerkraft, dem Fliessen, dem Zufall und dem Eingreifen in dieses Geschehen. Diese Spur des Spiels ist nun eingerahmt und fast zu einem Möbel geworden, ein Möbel für eine Wand. Ein Möbel das am Sonntag für zwanzig Minuten Perkussionszauber aus dem Lager hervorgeholt wurde um danach wieder darin zu verschwinden.

Der Moment geht vorbei, die Worte versuchen ihn zurückzuholen, noch mal zu erleben oder zu transformieren. Da war mein Bild, eine Trommel, ein Set Schlegel und Stäbe, verschiedene Besen, einige kleine Rasseln und Fritz Hauser, der die Klänge und Rhythmen aus diesen Dingen herausarbeitet. Er wirkt wie ein Mönch–Magier, der völlig vertieft, präzis und gleichzeitig verspielt seine Klangwelt zu den Tropfenschlaufen entwickelt. Schlegel fallen auf die Trommel, vibrieren am Rand, zittern nach oder wirbeln zu zweit. Die Rhythmen bauen sich auf, verwandeln sich, ein neuer Schlegel kommt dazu, ein anderer wird weggelegt. Der drehende, tiefe Klang von vorher ist noch eine Erinnerung, während es später schabt und schlauft, wirbelt und tröpfelt.

Die kleinen Filmschnipsel und Fotos, die mir zugeschickt wurden, sind wie Beweisstücke, dass das Ganze wirklich stattgefunden hat. Fritz Hauser sagt: «Ihr bildenden Künstler wollt alles aufbewahren, archivieren, unterschreiben, einrahmen.» Stimmt schon – nur was sollen wir machen? Eine Zeichnung ist nun mal da, nachdem sie gezeichnet wurde. Man kann sie weglegen, wegschmeissen, verschenken, archivieren oder aufhängen. Vielleicht sogar eingerahmt und für längere Zeit, wenn das Bild gekauft und gezeigt und nicht gleich wieder in einem Lager versorgt wird.

Das ist der Vorteil seiner Kunst. Sie ist nur genau so lange da, wie sie gespielt wird. Der Moment ist konzentriert, kostbar, es gibt Wertschätzung durch Anwesenheit und Zuhören und am Schluss gibt’s Applaus. Dann ist es vorbei – es muss nicht aufbewahrt, archiviert, unterschrieben und gerahmt werden. Es wurde gespielt und erlebt und müsste auch nicht noch mal veröffentlicht werden, es kann einfach vorbei sein. Ausser es gibt Aufnahmen davon, oder Worte dafür, die dann wieder irgendwo untergebracht werden wollen.

Tropfenschlaufen

Fritz Hauser & Tropfenschlaufen im Space 25, Basel am 13. Febraur 2022
Filmschnipsel von Lukas Stäuble, Franziska Furter, Peter Steinmann

31. Januar 2022

Schachteln

Ich habe eine Schachtel freigeräumt. Darin befanden sich Probierblätter aus der Zeit, in der ich angefangen habe regelmässig zu malen und zu zeichnen. Die Blätter sind weder virtuos noch schön, auf billigem Kopierpapier und waren nur dafür gedacht Pinsel auszuprobieren oder Stifte zu testen. Weil mir aber diese Testblätter oft interessanter schienen, als die Zeichnung mit der ich gerade beschäftigt war, habe ich sie alle aufbewahrt. Sie sind ein bisschen wie ein Tagebuch aus dieser Zeit, ein Echo der damals entstandenen Bilder.

Obwohl ich schon entschlossen war sie wegzuwerfen, hab ich jetzt daraus ein Päckchen gemacht und im Keller deponiert. Sie vom Keller aus wegzuwerfen wird dann irgendwann einfacher sein, als direkt aus dem Atelier. Immerhin sind sie aus dem Dunstkreis «Du könntest noch was damit machen» verschwunden.

Nun kann ich neue Zeichnungen in die Schachtel legen und auch diese damit vorerst aus der Sphäre der Optionen nehmen. Alles was frei im Atelier treibt, auf Tischen, am Boden und an Wänden, könnte noch weitergehen. Eine Zeichnung in der Schachtel ist ausserhalb des Blick– und Beurteilungsfelds und damit eine Entlastung. Eine Zeichnung kommt dann in die Schachtel, wenn ich entscheide, dass darauf nichts Weiteres geschehen soll. Irgendwann kann ich dann die Schachtel öffnen und all die Zeichnungen mit einem distanzierteren, frischen Blick anschauen.

Miriam Cahn stellt ihre Werke beim Einrichten einer Ausstellung mit der Bildseite zur Wand, so dass sie sich nicht zu sehr sattsieht daran und die Bilder für sie eine Überraschung sein können. Silvia Bächli, erinnere ich, arbeitet mit unterschiedlichen Schachteln, in die sie ihre Zeichnungen ablegt. Die «Guten» sind eher oben in der Schachtel, die weniger interessanten unten, wobei manchmal auch etwas von unten nach oben wandern kann und umgekehrt.

17. Januar 2022

Anfangen und Weitermachen

Am ersten Januar einen Spaziergang zu machen und mir vorzustellen, dass nun etwas Neues beginnnt ist eine Art Ritual. Manchmal passt irgendetwas auf dem Spaziergang zu dieser Idee; einmal sah ich eine Frau ganz gerötet aus dem eisigen, dampfenden Rhein heraussteigen. Dieses Jahr war es anders, sofort wartete Arbeit auf mich, die schon im letzten Jahr begonnen hatte. Die Idee des Neubeginns pünktlich zu diesem Datum ist unsinnig und trotzdem mag ich sie. Da ich jetzt die Arbeit, die da am ersten Januar auf mich wartete, abgeschlossen habe, könnte ich das Neujahrsdatum für mich einfach verschieben. Jetzt fängt mein neues Jahr an. Mein Atelier ist aufgeräumt. Auch unfertige Sachen liegen erstmal in der Schublade und ich kann schauen, wo es jetzt weitergeht. Ein gutes Gefühl – vielleicht erstmal gar nichts machen?

Auf meinem verspäteten Neujahrsspaziergang bin ich Werken für meine «Sammlung» begegnet. Die Sammlung habe ich über Jahre gepflegt und ergänze sie noch ab und zu. Das Sammeln war von der Idee geprägt, dass ich selbst nicht viel machen muss, dass es alles schon gibt. Also ging ich spazieren und entdeckte, dort wo ich gerade war, meine Sammlung. Ab und zu war etwas Bekanntes dabei – ein Robert Ryman, eine Renée Levi, vielleicht ein Richard Serra. Gleichzeitig wurden die Fundstücke zu eigenen Werken, die ich nun nicht mehr machen musste und die auch bereits veröffentlicht waren.

Sammlung Weiss

14. Dezember 2021

Pausentopf Nr. 2

Ich sammle nicht mehr so fleissig Kaffeesatz wie früher. Aber immer wieder reut es mich, den Satz meiner Pausen wegzuschmeissen – also sammle ich ab und zu weiter. Heute habe ich angefangen einen zweiten Pausentopf zu füllen. Das Gefäss dafür steht schon länger bei mir im Atelier. Wer es gemacht hat, weiss ich nicht. Als ich es fand, dachte ich, dass ich dieses Gefäss auch gerne gemacht hätte, wenn ich mit Glas umgehen könnte. Es ist innen milchig weiss und glatt, aussen rauh und kaffeebraun, wobei die braune Schicht abgekratzt wurde, um das Weiss wieder zum Vorschein zu bringen. Es war nicht einmal teuer, was mich erstaunte, weil es mir so besonders erschien.

Seit ich es besitze, wollte ich es mit meinem Kaffeesatz füllen. Als ich das dann heute gemacht habe, kam es mir vor wie ein Füttern; weil das Loch des Gefässes so klein ist, musste ich mit dem Löffel zirkeln, wie bei einem Babymund. Ein kleiner Schlund, in dem ein paar gesammelte Pausen von mir verschwinden.

Pausentopf Nr. 1

Pausentopf Nr. 2, Video 1'11", 2021

25. November 2021

Weiss

Vor dem Wochenende habe ich ein Stück Papier auf den Boden gelegt und an den vier Ecken mit Gewichten beschwert. Nachdem das Blatt von der Rolle geschnitten ist, muss es erst mal ausruhen, aus der Biegung in die Fläche finden. Das weisse Blatt Papier ist hoffnungsvoll, rein, unberührt. Es kann etwas darauf geschehen, noch ist nicht klar was es sein wird. Nur in meinem Kopf sind ein paar vage Vorstellungen.

Kenia Hara sagt: «Weiss ist Empfänglichkeit». Er hat ein Buch über Weiss geschrieben und benutzt grosse Worte, um das Weiss von Papier zu beschreiben: «Sein Weiss zeichnet sich durch ungestörte Stille aus, wie sie in den spannungsgeladenen, konzentrierten Momenten herrscht, bevor Dinge zum Ausbruch kommen, und durch das erregende Gefühl, dass etwas noch Unsichtbares in einer gigantischen Umsetzung münden kann.»

Genau dieses Gefühl würde ich als Fallstrick bezeichnen; diese Vorstellungskraft, die manchmal vor lauter Erwartungen verhindert, dass überhaupt angefangen werden kann. Und wenn dann doch etwas getan wurde, die Erkenntnis reift, dass die «gigantische Umsetzung» durchschnittlich ist, ausserhalb der Extreme, in der sich die Phantasie bewegt. Um mich davor zu bewahren versuche ich immer wieder, mich mit dem Durchschnittlichen, dem Massvollen, dem Unspektakulären anzufreunden, ja, es sogar anzustreben.

William Kentridge hat noch eine weitere Strategie. Er geht in die «Verteidigung der weniger guten Idee» für die er in Johannesburg ein eigenes Zentrum gegründet hat; das «Zentrum der weniger guten Idee». So wie ich es verstanden habe, hält er die gute Idee für fast schon machtversessen, das Zentrum der Aufmerksamkeit erbittert verteidigend. Er möchte den weniger guten, den kleineren Ideen, die am Rande warten, ermöglichen in die Mitte vorzudringen.

Und so redet er in seiner «Drawing Lesson One» über die Begegnung mit dem weissen Blatt Papier: «This seeing into a blank sheet of paper feels familiar to me.» (…) «… a clean piece of paper awaiting it’s deformation».

08. November 2021

Porträt

Alexandra Meyer war bei mir, um mein Blutporträt zu machen. Wir reden über unseren Künstlerinnenalltag und seine Hürden, während sie mir das Blut abnimmt. Sie erzählt mir, dass sie gerade die Seifenherstellung lernt und dabei eine schwarze, mit Kohle versetzte Seife produziert hat. Ich mag das Schwarz der Kohle und das Alchemistische des Objekts. Und mir gefällt die Vorstellung des gründlichen Händewaschens mit dieser Seife.

Mein Blut fliesst durch den Schlauch in die Ampulle. Sie sagt: «Manchmal glaube ich all diese Porträts machen zu müssen, verantwortlich dafür zu sein, dass die Sammlung vollständig ist». Nun ist auch mein Blut in ihrer Porträtsammlung und sieht aus wie jedes andere Blut – in einer Glasampulle, für immer aufbewahrt von Alexandra.

Porträt Esther Hiepler von Alexandra Meyer, 2021

27. Oktober 2021, Soulce

Freilichtatelier

Im Garten habe ich mir ein Atelier eingerichtet. Auf dem riesigen Estrich des Bauernhauses bin ich herumgestreunt, um die Sachen dafür zusammen zu suchen. Ein Estrich wie aus meinen Kinderträumen; Spinnweben und Staub überziehen interessante, vergessene Dinge, verlassene Schwalben– und Wespennester hängen im Dach und bleiche Kletterpflanzen überwachsen die Szenerie.

Ich habe zwei Tische abgestaubt und mit Papier bezogen. Während des Malens rauscht der Bach und erzeugt eine Atmosphäre der Kontinuität. Die bemalten Papiere hängen an der Wäscheleine und werden vom Wind bewegt.

In den Pausen lausche ich in die Stille des Hauses; ins Knistern des angehenden Feuers, in die verschiedenen Wassergiesstöne – beim Herausschöpfen des heissen Wassers für den Abwasch, beim Wiederauffüllen des Wasserbehälters für neues Heisswasser. Lausche ins Herausströmen des kalten Wassers aus dem Schlauch in die grosse Metallschüssel. Draussen fährt der Traktor; hin und her, immer wieder.

Windbild, Video, 1'16", 2021

20.Oktober 2021, Soulce

Pferdpinsel

Auf einer Wanderung habe ich eine abgeschnittene Pferdelocke gefunden und mitgenommen, mit der Idee einen Pinsel daraus zu machen. Ich habe ein gerades Stöckchen gesucht und eine Weile mit dem Abschälen der Rinde und dem Glatt–Schnitzen verbracht, ohne zu wissen wie und ob der Pinsel funktionieren wird. Sein Griff soll schön aussehen und sich gut anfühlen – und beim Schnitzen breitet sich Ruhe aus. Die dreckige Pferdelocke habe ich gereinigt, die Pferdehaare in die gespaltene Spitze des Griffes eingefügt und mit Leim und Gartenbast befestigt.

Entstanden ist ein Pinsel in einem leuchtenden, beneidenswertem Blond, der beim Malen angenehm nach Pferd riecht. Kein Ich-Pinsel diesmal, sondern ein Pferdpinsel. Hier am rauschenden Bach wo die Kühe und Pferde auf der Wiese glänzen, ist es einfacher nicht mit dem Ich beschäftigt zu sein. Das Aussen ist verführerisch ablenkend und belebt. Es kommt Lust auf auch noch einen Kuh–, einen Huhn– und einen Katzenpinsel zu machen.

Die Handhabung ist störrisch, so wie bei den anderen selbstgemachten Pinseln. So richtig malen kann man damit nicht – aber ihn einsetzen für Malerei schon. Die Methode muss noch gefunden werden.

Ich-Pinsel

29. September 2021

Ruhige Dinge

Gestern war ich nach vielen Jahren wieder mal bei den Ruhigen Dingen. In der Kaserne Liestal sind die grossformatigen Fotos mittlerweile verblichen und eines davon ganz zerstört. Das soll jetzt ersetzt werden, nachdem jemand die Fotofolie mit den abgebildeten Kellen aus der Küche der Kaserne fast vollständig abgezogen hat. Die Polizei war da um den Täter zu finden, hat ihn aber nicht gefunden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wenn man mal anfängt an so einem losen Stück Folie zu ziehen, es dann schwierig ist wieder damit aufzuhören.

Während wir vor den Kellen und den Tabletts stehen und über Farbnuancen der zu restaurierenden Fotos sprechen, üben die Soldaten auf dem Truppenübungsplatz. Im Augenwinkel sehe ich die schwer bepackten Soldaten in ihren Tarnanzügen wie sie als dichte Gruppe hin und her galoppieren und höre dumpfe Rufe und Schreie.

Vor den Hemden und den Betten im Eingangsbereich stehen jetzt Kanonen und Wachhäuschen. So eine Kanone war ein lautes Ding. Nun steht sie da, als Museumsstück, mittlerweile auch ruhiggeworden. Das ganze Ensemble ergibt eine eigenartige, von mir so nicht geplante Installation. Wie ich das finden soll weiss ich nicht so recht. Die Leiterin des Renovationsprojekts meinte: «Ich finde es noch cool.»

Ruhige Dinge