Blau

Zunächst einmal war da die Farbe Blau, die mir alles zu dominieren schien. Jeden Tag schien die Sonne, jeden Tag war der Himmel strahlend und intensiv blau. Auch das Meer brillierte mit den berauschendsten Blautönen. Von einem leuchtenden Türkis über verschiedenste Rosa- und Lilatönungen bei Sonnenuntergang bis zum tiefen Preussischblau danach und schliesslich dem unergründlichen Schwarzblau bei Nacht.

Das Licht, das Blau, das Strahlen und Gleissen, verführten mich zur Annahme, hier eine ebenso leuchtende, bunte Arbeit vollbringen zu können. Schliesslich ist das Licht in der Gegend von Marseille legendär und es kursieren Geschichten wie die, dass Cézanne sich an der Bucht von L’Estaque die Augen kaputt gemacht habe, weil er nicht aufhören konnte, malend das Licht zu betrachten. Mir fielen Sätze von Paul Klee ein, der in Tunesien überwältigt von den Farben und Eindrücken die Arbeit liegen lässt und nur in den sinnlichen Eindrücken schwelgt: “ Ich lasse jetzt die Arbeit. Es dringt so tief und mild in mich hinein, ich fühle das und werde so sicher, ohne Fleiss. Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen.“

Manchmal hatte ich fast Sehnsucht nach Nebel und Grau, so als sei das in mir eingeschrieben und als würde diese strahlende Sonne einen Teil meiner Persönlichkeit wegschmelzen. Ich fragte mich ob Nachdenklichkeit und Melancholie überhaupt eine Berechtigung haben unter der gleissenden Südsonne, ob sie denn nötig sind oder nur überflüssige Angewohnheiten aus einem nördlicheren Land.

Das Atelier diente als Rückzugsort von dem bunten Leben da draussen – obwohl es selbst alles andere als ruhig war. Nur die Wände des Ateliers strahlten die Ruhe aus, die ich brauchte. Weiss, in verschiedensten Abstufungen, herrührend von unzähligen Übermalungen und Ausbesserungen, übersät von Löchern und Rissen, verstaubt, überklebt und zusammengesetzt. Tausend verästelte Spuren, die in ihrer Zartheit und Zurückhaltung das Gegenteil waren vom Lärm und Leuchten um mich herum. So fing ich an mich mehr und mehr mit den Löchern in den Wänden meines Ateliers zu beschäftigen.

veröffentlicht in „Going Places“, herausgegeben von Atelier Mondial, 2011
zum Projekt L’Atélier Marseille