Esther Hiepler

Produkte und Prozesse

(only in German)

PROZESSE

Ich habe die Kaffeepause fest in meinen Ateliertag eingebaut. Wichtig ist, dass sie im Atelier und alleine stattfindet. Es geht jedoch nicht nur um das Kaffeetrinken an sich. Es geht um all die Prozesse, die damit verbunden sind: Um den Geruch des Kaffees und das Rieseln des Pulvers. Um das sorgfältige Einfüllen des Pulvers in die Kaffeemaschine. Um das Anzünden der Gasflamme und das Geräusch, welches das Ausströmen des brennenden Gases erzeugt. Um die Wärme, die entsteht und die Zeit, die vergeht, damit aus kaltem Wasser und gemahlenen Kaffeebohnen (welche schon vor dem Mahlen einige Prozesse durchmachten) das ersehnte, anregende, bittere Getränk entsteht. Welches ich mit Zucker süsse und mit Milch abmildere. Und nicht zuletzt geht es um die Regelmässigkeit, Sorgfalt und Ruhe, mit der diese Abläufe vollzogen werden.

PRODUKT

Der Löwenzahnlikör erscheint mir kostbar, da es nur 75 cl gibt. Um weiteren zu machen, müsste ich ein ganzes Jahr warten. Trinke ich den nun alleine, im Atelier, um auf Touren zu kommen, meine Gedanken anzuregen oder gar in einen Rausch zu verfallen? Oder teile ich ihn mit dem Vernissagenpublikum, wenn ich die Arbeit veröffentliche? Oder verführe ich damit Atelierbesucher und Besucherinnen? Vom Löwenzahnhonig gibt es immerhin vier Gläser. Wobei eines sich bereits stetig leert, da ich damit in meiner Kaffeepause jeweils ein Brötchen bestreiche. Oder zwei, je nachdem wie gross mein Hunger und mein Bedürfnis nach Süssem ist. Damit komme ich zu einem weiteren Thema. Zur Vertilgung der eigenen Kunstproduktion und zur Frage, ob das Kochen und Essen von Löwenzahnhonig Kunst sein kann.

Bruce Nauman sagt es so: „Im Atelier war ich auf mich selbst gestellt. Das warf dann die grundlegende Frage auf, was ein Künstler tut, wenn er im Atelier ganz auf sich selbst gestellt ist. Ich folgerte also, dass ich ein Künstler in einem Atelier war und dass demnach alles, was ich dort tat, Kunst sein musste.“ 

Er lässt es aber nicht dabei, sondern macht sich weitere Gedanken: „Was tatsächlich ablief, war, dass ich Kaffee trank und hin- und herging. Die Frage kam dann auf, wie ich diese Aktivitäten strukturieren konnte, so dass sie Kunst werden oder eine andere Art von geschlossener Einheit, die anderen Menschen zugänglich gemacht werden könnte. An diesem Punkt rückte die Kunst als Tätigkeit gegenüber der Kunst als Produkt in den Vordergrund.“

Und hiermit sind wir beim Thema des Künstlers im Atelier und seinem Bezug zum Publikum. Wenn ich meine ganzen Honigtöpfchen selber aufesse, drehe ich mich dann im Kreis, nur um mich selber? Bin ich gar geizig zu meinem Publikum? Irgendwie gefällt es mir auch meine Produkte sofort selbst zu verwerten. Obwohl Bruce Nauman sich die Gedanken nach der Zugänglichkeit seiner Kunst für andere Menschen macht, gibt er an anderer Stelle auf die Frage: „Für wen ist Ihre Kunst?“ folgende Antwort: „Sie hält mich beschäftigt.“

Zitate aus: Bruce Nauman, Interviews 1967-1988, Fundus 138, Verlag der Kunst, 1996, Amsterdam 

KUGELN 

Kugeln zu machen ist eine Art des Aufräumens. Blütenblätter, mit denen ich gearbeitet habe, möchte ich nicht einfach wegschmeissen. Also versorge ich sie, indem ich sie in einer Tonkugel verarbeite. So eine Kugel zu formen ist eine schöne Sache. Das Zusammenfügen von Blüten und Ton ergibt eigenartige Geruchskombinationen, die erst verschwinden, wenn die Kugel ganz getrocknet ist. Noch feucht roch die Tonkugel mit den eingearbeiteten Blütenblättern blumig, erdig und leicht modrig oder faulig zugleich.  

Die Kugel aus gekochten Löwenzahnblüten hat mehrere Prozesse durchgemacht. Die Blüten wurden grosser Hitze ausgesetzt, durch das Kochen in Wasser. Dann ausgepresst bis kein Tröpfchen mehr herauskam und zur Kugel geformt. Diese habe ich dann eingefroren, da ich ein paar Tage nicht im Atelier war. Hier also grosse Kälte, im Gegensatz zur kochenden Hitze. Aufgetaut verströmte sie einen betörenden, frischen, blumigen Duft. Dann trocknete sie langsam über Tage hinweg. Der Geruch wird immer schwächer und wird vermutlich bald verschwinden.