Fiona Siegenthaler

Sammlung Weiss/Häuser fangen

Galerie Stampa vom 30. November 2004 bis 15. Januar 2005

In ihrer Ausstellung in der Galerie STAMPA zeigt Esther Hiepler Arbeiten aus ihrem seit 1998 verfolgten Werkkomplex Sammlung. Er setzt sich aus Fotografien, Videos und Stills zusammen, deren Motive in Gruppen geordnet werden können, wie aber bei jeder Sammlung auch das Potential zu neuen An-Ordnungen und neuen Konstellationen besitzen. Die Sammlung wird von der Künstlerin nach unterschiedlichen Kriterien gruppiert. Während sie in Weiss der für den White Cube der Moderne paradigmatischen Nicht-Farbe im städtischen Raum nachgeht, signalisiert sie mit Häuser fangen eine Tätigkeit, die zwischen Bewegung und Stagnation oszilliert.

Für Weiss fotografiert Esther Hiepler Motive wie Plakatkasten, Baufolien oder sorgfältig mit weissem Seidenpapier überzogene Fensterscheiben im öffentlichen Stadtraum. Indem die Fotografien ein Bewusstsein für die alltägliche Erscheinung des Weiss zeigen und zugleich generieren, erweist es sich als Teil unserer alltäglichen Welt, der einen grossen Anteil an Bildlichkeit in sich birgt. Einerseits manifestiert sich das Weiss als „leere“ Fläche, andererseits als Ort und Ausdruck von menschlichem Handeln.

Häuser fangen ist eine Sammlung, die sowohl aus Stills als auch aus Videoarbeiten besteht. Sie entstand durch den Versuch der Künstlerin, aus dem fahrenden Zug zwischen Madrid und Andalusien die unzähligen kleinen, formal wie funktional minimalistisch konzipierten Häuschen in der Mancha festzuhalten, zu fangen. Für den Zugreisenden erweisen sie sich als strukturierende Elemente der Landschaft; einerseits bilden sie im Verhältnis zu den vorbeisausenden Büschen und Elektromasten im Vordergrund einen ruhigen Anhaltspunkt in der Landschaft, andererseits ist selbst an diesen minimalistischen, gelegentlich geradezu flächig wirkenden Häusern durch den Perspektivenwechsel abzulesen, dass die Reisende sich fortbewegt. Wie sehr wir auf diese Logik des Perspektivenwandels durch Bewegung konditioniert sind, wird von Hiepler in ihren Videoarbeiten durch minimale Eingriffe wie den Loop oder Slow Motion aufgedeckt. Trotz rasender Vorwärtsfahrt will beispielsweise eine kleine Häusergruppe nicht aus dem Bild hinausgleiten, aber wir fahren auch nicht um sie herum – hier hat das Häuschen uns ebenso gefangen, wie es die Künstlerin mit der Videokamera zu fangen versucht hat.

Sowohl in den Fotografien wie auch in den Videoarbeiten von Esther Hiepler wird die zusätzliche Bedeutung des Begriffes „Sammlung“ spürbar: die Sammlung als menschliche innere Befindlichkeit, als individuelle Position zu und in der Welt. Die Landschaft, die nicht erst in der Romantik Ort der inneren Sammlung darstellte, wird von Hiepler hier nicht nur motivisch aufgenommen, sondern durch die Wahl einfacher Motive und einer technisch ermöglichten minimalen Manipulation der Aufnahme intensiviert. So kann die Spiegelung einer Landschaft im Zugfenster in Echtzeit kaum wirklich wahrgenommen werden, handelt es sich doch stets um kurze und flüchtige Augenblicke. Indem die Künstlerin diese Augenblicke jedoch mit dem Video einerseits verlangsamen, andererseits auch wiederholen kann, eröffnet sich ein zusätzlicher Raum der Sammlung, in dem sich die Gliederung der Landschaft auflöst und als bewegte Topografie erlebt wird, in der sich ein Betrachter nicht wirklich verorten, sehr wohl aber sammeln kann.